Tag 2 – Netzwerke knüpfen
Die zweite Nacht war nicht wirklich besser, was unseren Schlaf angeht. Der Baron hatte zum Glück wie ein Stein geschlafen. Wir eher sporadisch. Der Kleine musste wieder nüchtern sein, da an diesem Tage auf jeden Fall der trockene Verband drankam. Dazu wurde er wieder in eine seichte Narkose gelegt. Ich könnte jedes Mal heulen, wenn ich meinen Sohn halbschlafend den Schwestern übergeben muss und er dann mit lauter grünen Männchen allein im OP-Saal liegt, die an seinen Füßen arbeiten.
Bis zum OP-Saal durften wir mit, während des Wechsels aber draussen warten. Uns führte man in ein kleines Wartezimmer, wo wir etwas zu trinken bekamen. Ruhiger waren wir dennoch nicht. Ich erinnerte mich an die Situation vom Vortag, als der Baron 8 Minuten bei der Praktikatin verweilte und nun sind 4-5 Fremde um ihn herum. Man versicherte uns aber schon im Vorwege, dass der Kleine zwar wach sei, aber von der eigentlichen Aktion im OP-Saal keine Erinnerungen hat.
Während des Verbandwechsels wurden wir kurz dazugeholt um die Hautareale selber einmal zu sehen. So ganz konnte ich mich nicht auf das konzentrieren, was die Chirugin uns sagte, denn ich sah wieder ein verzweifelten Baron liegen, der zwar lieb von einer Schwester umsorgt wurde, er aber lieber Mama oder Papa dabei gehabt hätte. Wieder schluckte ich, wieder schloss ich die Tür.
Schnell waren die Ärzte fertig und wir konnten den Kleinen in Empfang nehmen, knuddeln und mit ihm reden.
Nachdem der Baron aus der Narkose langsam wieder aufwachte, bekam er endlich etwas zu essen. Das Krankenhausessen mochte er und langte ordentlich zu. Danach wurde der Rausch ausgeschlafen und zum Nachmittag war er ganz der Alte.
Da wir nun noch eine zweitägige Verlängerung auf Station bekamen, fuhr ich wieder nach Hause und packte den Koffer voll, kaufte eine Luftmatratze und 5kg Schoki als Nervennahrung. Vollbeladen kam ich zurück ins Zimmer.
Kein Ehemann und kein Baron zu sehen. Wo sind die hin?
Im Spielzimmer der Station habe ich sie dann gefunden. Legosteine um den Baron grosszügig verteilt, Bücher aus den Regalen herausgenommen und mit Freude den anderen Kindern beim Spielen zugeschaut. Der Ehemann hatte schon Kontakte zu anderen Eltern geknüpft und alles war irgendwie entspannter.
Der Stubenarrest war vorbei!
Tag 3 – Das Spieleparadies
Der dritte Tag war für uns schon fasst Routine. Der Schlaf wurde, dank Luftmatratze, besser und die Dramatik des Unfalls wurde ein wenig gelindert. Der Baron fitter denn je und wir frohen Mutes, bald das Krankenhaus zu verlassen.
Nach dem Frühstück wurden einzelne Kinder von der örtlichen Erzieherin befragt, wie es ihnen geht und ob sie denn schon raus dürften. In Abstimmung mit den zuständigen Schwestern könnten diese dann rüber ins Spielehaus. SPIELEHAUS????
Es gibt ein grosses Spielehaus, in dem Krankenhauskinder stundenweise betreut und beschäftigt werden. Hier kann gebastelt, gemalt, gespielt und musiziert werden! Ein Traum den ich auch dem Baron wünschte. Während die Erzieherin alle Kinder ausser unseren Baron befragt hatte, ging sie wieder und ich war etwas traurig, dass wir nicht durften. War dann aber der Meinung, dass der Baron noch zu klein für das Spielehaus war.
Der Ehemann sagte mir erst dann, dass die Erzieherin schon vor einiger Zeit mit ihm und der Schwester gesprochen hätten und unser Kleiner schon rüber ins Haus kann.
Was? Und wieso sind wir dann nicht schon drüben?
Los! Ins Spielhaus!
Dort angekommen sicherte der Ehemann einen kleinen Traktor und schob den Baron durch die Gegend. Mehr brauchte er nicht um glücklich zu sein. Wenn wir ihn im Haus zum Spielen hinsetzten, krabbelte er in Windeseile zurück auf die Terrasse und schob seinen Trecker. Der Tag ist gerettet.
Das Spielen wurde nur durch den Mittagsschlaf unterbrochen, danach ging es weiter. Die Zeit verging wie im Flüge und wir merkten gar nicht, dass wir in einem Krankenhaus waren.
Ausgeglichen und entspannt zelebrierten wir das Abendbrot im Esszimmer. Wie zu Hause.
Wieder musste der Baron diese Nacht nüchtern bleiben, wieder wurde er am nächsten Morgen in Narkose gelegt.
Mit hoffentlich gutem Ausgang.
Tag 4 – Nach Hause?
Der Baron wurde pünktlich von der Schwester schläfrig gemacht. Diesmal ging es recht zügig. Der Baron wehrte sich kaum, ließ das Dämmern zu. Allerdings war er kurzfristig recht merkwürdig, gab verschluckte Laute von sich und seine Augen tränten. Es schien, er wollte was sagen, konnte aber nicht. Sofort holten wir die Schwester. Ich habe zuviel von Narkosen gehört, um das einfach laufen zu lassen.
Der Baron wurde auf die Seite gelegt und konnte wieder schlucken. Puh!
Der Verbandswechseln an sich ging schnell. Der Baron wurde von der Schwester mit dem mitgebrachten Auto bespasst und kam fasst quietschfidel aus dem op-Raum heraus. Uns wurde vom Arzt erläutert, dass sich nun ein Fuss komplett regeneriert hat und der andere zur Hälfte. Somit konnte ein grosser Teil des Verbandes entfernt werden. Immernoch ist eine kleine Stelle sehr kritisch.
Mit weiteren Informationen zur Versorgung der offengelegten Stellen, verliess uns der Arzt mit dem Gedanken einer eventuellen Beurlaubung übers Wochenende.
Bitte Bitte Bitte, wir wollen nach Hause!
Uns war etwas unwohl, als wir die offenen Stellen sahen und trauten uns kaum, den Baron krabbeln zu lassen. Zumal die Stellen auch regelmässig mit einer Fettcreme eingecremt werden sollten.
Anfänglich eine grosse Überwindung. Aber der Kleine hatte dabei keine Schmerzen, vielmehr störte es ihn, dass wir seinen Fuss festhielten.
Nach dem Mittagsschlaf wurde wieder kräftig dinniert und dann die Zeit im Spielehaus verbracht. Dieses machte allerdings frühzeitig schon zu und wir wollten nicht länger auf der Station bleiben sondern nach Hause. Immerhin war Wochenende und da ist der Tag in so einem Krankenhaus mindestens genauso schlimm, wie unser Stubenarrest.
Schon zwei kleine Mädchen wurden an dem Tag nach Hause geschickt und wir warteten gespannt auf Informationen vom Klinikpersonal.
Die bekamen wir, pünktlich zur Schließung des Spielehaus. WIR DÜRFEN NACH HAUSE ÜBERS WOCHENENDE!
Am Montag wird wieder der Verband gewechselt und somit muss der Baron wieder auf Station sein. Vorerst aber Urlaub mit Mama und Papa zu Hause! Freudestrahlend packten wir unsere Taschen und verliessen das Krankenhaus.
Bis Montag! Und toi toi toi, dass dann alles gut geht!


